"Wir gedenken Ludwigsburgs Ehrenbürger Dr. Albert Sting, der durch seine Persönlichkeit und Wirken Ludwigsburg geprägt hat. Sein Engagement und die Verbundenheit zu unserer Stadt und den Menschen werden uns unvergessen sein. Wir werden sein Andenken in Ehren bewahren."

Dr. Albert Sting verstorben

„Ein Brückenbauer und großer Ludwigsburger“
OB Knecht würdigt verstorbenen Ehrenbürger Albert Sting – Kondolenzbuch liegt im Rathausfoyer aus
 
Ludwigsburgs Ehrenbürger Dr. Albert Sting ist am vergangenen Sonntag im Alter von 96 Jahren gestorben. Die Stadtverwaltung wird zum Gedenken an den Verstorbenen im Rathausfoyer ein Kondolenzbuch auslegen, in das sich die Bürgerinnen und Bürger ab dem (morgigen) Mittwoch eintragen können. Zudem wird am Tag des Begräbnisses die Trauerbeflaggung am Rathaus aufgezogen.

„Dr. Albert Sting hat sich wie kaum ein anderer beruflich und privat beharrlich für die Menschen engagiert. Seine soziale Haltung, sein sozialpädagogisches Wissen und seine stadtgeschichtliche Kompetenz waren herausragend“, würdigt OB Dr. Matthias Knecht den verstorbenen Ehrenbürger. „Er war das soziale Gewissen unserer Stadt und hat sich in besonderer Weise um Ludwigsburg verdient gemacht.“

„Auch als Historiker seiner geliebten Geburtsstadt hat Albert Sting Maßstäbe gesetzt“, so der OB. Erschienen in den Jahren 2000, 2004 und 2005 beschreibe er in drei Bänden die Entwicklung Ludwigsburgs von der Vorgeschichte bis zum Schlossjubiläum 2004. „Wer die Geschichte der Stadt Ludwigsburg ausgiebig erforschen möchte, dem sei das Werk ausdrücklich empfohlen, denn es gilt als das wissenschaftliche Standardwerk der Geschichtsschreibung über Ludwigsburg.“

Für OB Knecht hat Albert Stings Wirken das gesellschaftliche Leben Ludwigsburgs nachhaltig geprägt. „Er hinterließ unübersehbare Spuren als Direktor der Karlshöhe und im Ehrenamt“, fasst der Oberbürgermeister zusammen. „Ob als Ehrenmitglied des Bürgervereins der Unteren Stadt, Gründungsmitglied des Fördervereins Stadtarchiv, des Fördervereins Zentrale Stelle zur Verfolgung von NS-Gewaltverbrechen oder als Ehrenvorsitzender des Fördervereins Synagogenplatz: Erinnern, versöhnen, Brücken bauen – das ist das Vermächtnis eines großen Ludwigsburgers.“

Ehrungen durch Bund, Land, Landkreis und Stadt

Für diese Verdienste verlieh ihm die Stadt Ludwigsburg 2005 das Ehrenbürgerrecht. Bereits 1988 hatte Sting die Bürgermedaille der Stadt erhalten. Doch auch der Bund würdigte seine Lebensleistung mit dem Bundesverdienstkreuz (1989), der Landkreis mit der Verdienstmedaille (1999) und das Land Baden-Württemberg ebenfalls mit der Verdienstmedaille 2004. Zu seinem 90. Geburtstag 2014 ehrte ihn das Land zudem mit der Staufermedaille, eine besondere, persönliche Auszeichnung des Ministerpräsidenten. Albert Sting erhielt die Medaille für seine Verdienste um das Gemeinwohl aufgrund seines bürgerschaftlichen Engagements über viele Jahre hinweg.

Albert Sting wurde am 07. Mai 1924 in Ludwigsburg geboren. Aufgewachsen am Marktplatz, verließ seine Familie die Stadt acht Jahre danach in Richtung Besigheim. Nach Reichsarbeit und Militärdienst geriet Albert Sting 1942 in russische Gefangenschaft. Seiner Freilassung 1949 folgte ein Studium in den Fächern Theologie und Psychologie in Tübingen und Göttingen. Seine Sensibilität für soziale Fragen trieb ihn an und führte ihn als Pfarrer 1957 nach Waiblingen. Seine Aktivitäten in der damaligen Zeit zeigten einen Menschen, für den die christliche Nächstenliebe und die Hilfe für die in Not Geratenen ein unermüdlicher Antrieb waren: als Initiator eines Dienstes, der Essen für Alte und Kranke zustellte, beim Aufbau der Ehe- und Familienberatungsstelle in Stuttgart und als Mitbegründer der Telefonseelsorge.

Pfarrer der Stadtkirche in Ludwigsburg

Albert Sting kehrte 1966 in seine Geburtsstadt als Pfarrer der Stadtkirche sowie Diakoniepfarrer des Kirchenbezirks Ludwigsburg zurück. Seine Sachkenntnisse, seine soziale Hingabe und seine bisherigen Leistungen öffneten ihm das Feld für weitere Aufgaben. Er wurde Leiter des evangelischen Landesverbandes für Kindertagesstätten in Württemberg und des evangelischen Kinderrettungsvereins. Er gehörte fortan dem Landesausschuss des Diakonischen Werkes in Württemberg an, er hatte einen Sitz in den leitenden Gremien der evangelischen Heimstiftung und im Verein evangelischer Ausbildungsstätten für Sozialpädagogik.

Als Konrektor der Karlshöhe Ludwigsburg leitete er von 1971 an die neu eingerichtete Ausbildungsstätte für Diakonie und Religionspädagogik, ehe man ihn aufgrund seiner reichen Berufserfahrung und seines unermüdlichen Einsatzes für die Mitmenschen 1979 zum Direktor und Schulleiter der Karlshöhe berief. Bis zum Ruhestand 1989 lehrte Albert Sting als Dozent für Psychologie unter anderem an Krankenpflegeschulen, am Diakonissen-Mutterhaus in Stuttgart und am Kreiskrankenhaus Ludwigsburg. Mit über 600 Vorträgen zwischen 1972 und 1988 war er als einziger Diplom-Psychologe unter den württembergischen Pfarrern ein viel gefragter Referent in Ehe-, Familien- und Lebensfragen. Von 1985 an fungierte er als Vorsitzender der Werkstatt für Behinderte. Auch während seines Ruhestands hielt sein Wirken im sozialen und ehrenamtlichen Bereich unvermindert an.

Geburtsstadt als bevorzugtes Forschungsobjekt

Doch zu seinem bevorzugten Forschungsobjekt gehörte seine Geburtsstadt. Neben der dreibändigen Entwicklungsgeschichte Ludwigsburgs ging Albert Sting auf die Suche nach „Spuren jüdischen Lebens“ (2001) in der Stadt. Er untersuchte die Geschichte der jüdischen Gemeinde und schaffte es anhand deren Wohnorte eindrucksvoll, diese leidvolle Geschichte im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern. Dieses Werk leistete zweifellos die Vorarbeit für die Aktion der Stolpersteine, die später vor den Gebäuden an Opfer und Verbrechen der Nationalsozialisten in Ludwigsburg erinnern. Die Umgestaltung des Synagogenplatzes war zudem immer sein Herzenswunsch, weshalb er aktiv im Arbeitskreis Dialog Synagogenplatz mitwirkte.

Ein sehr persönliches Buch von Albert Sting erschien unter dem Titel „Geworfen und Gehalten“. Darin schilderte er sehr bewegend seine Zeit in russischer Kriegsgefangenschaft und schließlich die Rückkehr in sein Elternhaus 1949.

Mit dem „Ludwigsburger Geschichtskalender“ (1987) gelang ihm eine historische Darstellung, die besondere Beachtung verdient. Jeden Tag des Jahres verknüpfte Albert Sting mit Ereignissen oder Begegnungen, die sich in Ludwigsburg zugetragen hatten. So fügten sich tägliche Hinweise zu einem großen Ganzen zusammen und vermittelten einen detailreichen Überblick der Ludwigsburger Geschichte.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         

Viele Veröffentlichungen zu Ludwigsburg

Die Liste seiner Veröffentlichungen zu Ludwigsburg ist lang: Dazu gehören kurzweilige, biografische Episoden rund um den Marktplatz („Hopf ronter“, 1995/2. Auflage 2000), wo er seine Kindheit verbrachte. Zu seinem reichen Schaffen gehört ein Bildband über seine Heimatstadt („Ludwigsburg“, 1992) oder eine Beschreibung von 68 Sehenswürdigkeiten in „Ludwigsburg – Kleiner Führer der Stadt Ludwigsburg“ (1994). Lesenswert ist zudem ein Aufsatz in den Ludwigsburger Geschichtsblättern, der die Stadt in den Zeiten des ausgehenden 19. Jahrhunderts skizziert („Ludwigsburg vor 90 Jahren“, 1988).

Albert Sting war Ludwigsburg nicht nur durch seine zahlreichen Forschungen über die Geschichte der Stadt verbunden. Seine Stadtführungen hielten die Historie für Einheimische und Touristen lebendig. Großer Beliebtheit erfreuten sich zahlreiche seiner Themen, genannt seien hier „Stadtmauer“, „Carlstadt“ (Südstadt), „Holzmarkt/Marktplatz“, „Untere Stadt“, „Alter Friedhof“, „Rund um das

Residenzschloss“, „Die Dichter und ihre Häuser“ sowie „Kasernen-Bauten aus dem Ende des 19. Jahrhunderts“. Seit 1975 trug Albert Sting in 380 Führungen dazu bei, das geschichtliche Erbe weiter zu geben. Seit 1989 war er zudem Mitglied im Historischen Verein der Stadt, er engagierte sich im Bürgerverein der Unteren Stadt.

Mitglied des Rundes Tisches für Asylfragen

Albert Sting war Mitbegründer des „Förderverein Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen“. Auch als Mitglied der Initiative „Kommunale Kriminalprävention“ war sein Rat gefragt. Anfang der 90er Jahre war unser Ehrenbürger als Mittler zwischen der Türkisch-Islamischen Union und der Ludwigsburger Bevölkerung im Einsatz, als an der Heilbronner Straße das Islamische Zentrum entstand. Er stellte seine Arbeitskraft ebenfalls in den Dienst des Runden Tisches für Asylfragen.

Beim „Initiativkreis Einladung ehemaliger jüdischer Bürger Ludwigsburgs“ engagierte sich Albert Sting seit dessen Gründung. Im Rahmen der Gedenktage „60 Jahre Reichspogromnacht“ 1998 übernahm er gemeinsam mit dem damaligen Kulturamt der Stadt die Organisation und trug selbst Vorträge und eine Stadtführung bei. Beim Besuch der ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger im Mai 2003 bot er Führungen an und organisierte die Besuche der jüdischen Friedhöfe sowie einen Rundgang zu den jüdischen Stätten.

 

Quelle:

PRESSEDIENST DER STADT LUDWIGSBURG

Bildhinweis: Albert Sting 2014 an seinem 90. Geburtstag während des Empfangs der Stadt.